Angst beim Zahnarzt

Nun gibt es ja unbestreitbar gewisse Unterschiede zwischen Höhlenlöwen und Zahnärzten. Außerdem scheint es doch so, als seien wir von der Natur extra dafür ausgestattet, gerade dann besonders lernfähig zu sein, wenn sich unser bisheriges Verhalten in angstauslösenden Situationen als erfolglos erweist. Wieso dann diese scheinbar nicht zu ändernde Angst vorm Zahnarzt? Nun, zunächst einmal sind die Standardprogramme unseres Gehirns eher ungeeignet das Problem zu lösen: Töten: Dieses Verhalten wird in unserer Gesellschaft nicht akzeptiert und führt mithin zu beträchtlichen Sanktionen. Darüber hinaus bitte ich als Zahnarzt auch in eigenem Interesse von dieser, zweifellos manchmal verlockenden, Variante Abstand zu nehmen. Verstecken: Dieses Verhalten wird manchen bekannt sein. Sie besteht in der zahnärztlichen Variante darin, dass man auf dem Stuhl solange immer kleiner wird, bis der Zahnarzt einsieht, dass eine Behandlung in Fußbodennähe nicht durchführbar ist und also von einem ablässt. Leider lässt sich auf diese Weise das zugrundeliegende Zahnproblem selten aus der Welt schaffen. Weglaufen: Im Zusammenhang mit dem Zahnarzt besteht diese Variante im allgemeinen darin, gar nicht erst hinzugehen und ist in dieser Form vermutlich der Lösungsversuch, der am häufigsten vorkommt. Doch bleibt auch der Zahn eben unbehandelt und das Problem ist somit nicht gelöst, sondern nur verschoben. Alle üblichen Lösungswege, der Angst zu entkommen kranken also daran, dass sie einer zufriedenstellenden Behandlung der Zahnprobleme im Wege stehen und einen somit zwingen sich der Situation immer aufs Neue zu stellen. Im Gegensatz zu unserem Vorfahren, der den Höhlenlöwen ja im Prinzip nicht gebraucht hat ist der Zahnarzt für die meisten Menschen eben unverzichtbar (man könnte in diesem Zusammenhang natürlich auf die Idee kommen, durch geeignete Pflege seines Gebisses alle Zahnärzte dieser Welt für sich selbst so überflüssig werden zu lassen, wie es Höhlenlöwen für unsere Vorfahren waren, aber das ist eine andere Frage).

Wie aber sieht es mit der oben so gerühmten Lernfähigkeit aus? Wenn alle vorhandenen Lösungswege fehlschlagen, müssten wir nicht gerade dann in der Lage sein, neue Ideen für einen angenehmen Zahnarztbesuch zu entwickeln? Die Antwortet auf diese Frage lautet eindeutig: JA! Allerdings hat die Sache einen Haken, denn um diese Lernfähigkeit nutzen zu können, muss man sich zunächst einmal der Zahnbehandlung stellen und dies außerdem in einem Zustand tun, der einem Lernen überhaupt möglich macht. Was heißt das?

Üblicherweise beginnt ein Zahnarztbesuch, gerade für ängstliche Patienten, damit, dass man bereits an der Praxistür diesen besonderen Geruch wahrnimmt, der dann automatisch die bisherigen schlechten Erfahrungen weckt und damit schon einen Alarmzustand auslöst (s.o.). Diese Programmierung von Geist und Körper auf die Angstreaktion führt dazu, dass bevorzugt all das registriert wird, was diesen Zustand verstärkt: man hört also selbst die leisesten Bohrgeräusche aus dem Behandlungszimmer, sieht überall Instrumente und fühlt die Behandlung schon, bevor sie überhaupt begonnen hat. Unterstützt wird dies in vielen Fällen leider immer noch durch ungeeignetes Verhalten von Zahnarzt und Praxispersonal.

Dies fängt an mit unnötig langen Wartezeiten, geht weiter der sofortigen Flachlagerung und dem Umhängen eines "Lätzchens" und endet mit, oftmals sogar gutgemeinten, Formulierungen wie "Sie brauchen wirklich keine Angst zu haben" ... "Es tut bestimmt nicht weh" ... "Schauen Sie sich die Spritze am besten gar nicht erst an". All dies führt Schritt für Schritt dazu, dass der Patient in eine Position geführt wird, in der er sich inkompetent, machtlos und ausgeliefert fühlt. Dieser innere Zustand schließt jedoch produktives, kreatives Lernen aus!